Wien – Sulz im Wein­vier­tel – Břeclav

⌴ 111.7km ⋅ ◿ 804hm ⋅ ◺ 799hm ⋅ ⤓ 155m ⋅ ⤒ 263m ⋅ ◷ 8:54:11

Geplant war heu­te eine Tour nach Hodo­nin mit ein wenig Ner­ven­kit­zel: die Umstei­ge­zeit zwi­schen dem Zug Hodo­nin – Bře­clav und dem Zug Bře­clav – Wien beträgt fahr­plan­mäs­sig 2 Minu­ten. Ob sich das aus­geht? Wo muss man da im Zug sit­zen, dass man das ggf. noch der­rennt und nicht den nächs­ten Zug eine Stun­de spä­ter neh­men muss? Viel­leicht woll­ten wir es so genau dann auch nicht wis­sen, denn nach rund 45 Kilo­me­tern sind wir links abge­bo­gen. Da geht es kurz stei­ler rauf und dann steht man vor dem ziem­lich neu­en Ein­gangs­ge­bäu­de des Muse­ums­dor­fes Nie­der­sulz, an dem wir schon zig mal vor­beit­ge­fah­ren sind, aber bis auf einen kur­zen Abste­cher vor eini­gen Jah­ren, als dort das Mit­tag­essen bei der In Velo Veri­tas war, waren wir nie drin.

Also heu­te rein ins „Muse­ums­dorf“, ein Frei­licht­mu­se­um, das nicht nur „Dorf“ heisst, son­dern tat­säch­lich wie ein Dorf auf­ge­baut ist. Es gibt am Dorf­rand als ers­tes der alten Gebäu­de eine zwei­klas­si­ge Volks­schu­le mit in Kurr­ent­schrift beschrie­be­nen Tafeln, höl­zer­nen Bän­ken und einem Gar­ten davor. Wir schlen­dern den Weg hin­un­ter zum Bach und reis­sen zwei net­te Feri­al­prak­ti­kan­tin­nen aus ihrer Lan­ge­wei­le. Die sol­len an einer Sta­ti­on zum The­ma Lehm­bau Besucher*innen zei­gen, wie man Lehm­zie­gel macht, doch heu­te kommt kaum jemand. Wir sind im Muse­ums­dorf fast allein unter­wegs – sind wohl alle heu­te am ers­ten ech­ten Som­mer­tag seit einem Monat im Frei­bad. Also Hand­schu­he aus und Lehm gat­schen, in die Form fül­len und wären wir nicht mit den Renn­rä­dern unter­wegs, dann könn­ten wir unse­re Zie­gel auch gleich mit­neh­men. Lehm­zie­gel sind das Haupt-Bau­ma­te­ri­al der zahl­rei­chen Gebäu­de hier im Dorf, denn Lehm hat man im Wein­vier­tel eigent­lich über­all. Inter­es­san­ter als das Her­um­gat­schen mit dem Lehm sind aber die ver­schie­de­nen Tech­ni­ken, wie man aus die­sem Mate­ri­al eine Wand oder eine Decke eines Hau­ses fabri­ziert. Ein lan­ge ver­ges­se­ner Bau­stoff, der viel­leicht eine gewis­se Renais­sance erlebt.

Die Häu­ser des Dor­fes haben gross­teils Lehm­mau­ern. Ob das zu der ange­neh­men Küh­le in den Räu­men bei­trägt, die man sofort spürt, wenn ehr­füch­tig den Kopf neigt und eine alte Fass­bin­der- oder Schnei­der­werk­statt betritt. Wenn man so wie Ulrich über 1,90 m gross ist, wird man in die­sem Muse­um qua­si in eine Demuts­hal­tung gezwun­gen, denn hier gibt es kaum Tür­stö­cke, wo nicht sogar ich kurz über­le­ge, ob ich nicht doch Gefahr lau­fe dage­gen zu lau­fen. Draus­sen vor den Häu­sern muss ich mich dann aber immer wie­der mal stre­cken, denn hier gibt es duf­ten­de Hecken­ro­sen, an denen ich bekannt­lich nicht vor­bei­ge­hen kann ohne mal dar­an zu schnup­pern. Jedes der in Ein­zel­tei­len nach Nie­der­sulz trans­por­tier­ten Häu­ser hat einen Vor­gar­ten und wie das frü­her so üblich war, sind die­se Vor­gär­ten lie­be­voll gestal­tet und mit Blu­men besetzt, die mir alle irgend­wie bekannt vor­kom­men, deren Namen mir aber nicht geläu­fig sind. OK, Rosen und Dah­li­en ken­ne ich, und waren das da hin­ten wirk­lich Pfingst­ro­sen, jetzt, eine Woche vor Mariä Himmelfahrt?

Ein ech­tes Dorf hat natür­lich neben den Wohn­häu­sern und Werk­stät­ten auch eine Kir­che (Nie­der­sulz hat 3 Kapel­len), Wirts­häu­ser (meh­re­re vor­han­den) und im Wein­vier­tel natür­lich auch zahl­rei­che Press­häu­ser. Hier fällt mir zum ers­ten Mal auf, dass die­se Pres­sen gleich­sam ins Haus ein­ge­baut sein müs­sen. Auch sehr typisch für die Gegend sind die Zwerch­hö­fe, bei denen der Wohn­trakt stras­sen­sei­tig liegt und der Wirt­schafts­trakt des Hau­ses im rech­ten Win­kel ange­baut nach hin­ten auf das Grund­stück geht. Schlecht erklärt? Das Haus ist ein­fach L‑förmig, vor­ne wohnt man, hin­ten sind Stäl­le oder Wirt­schafts­räu­me, gesäumt von einem Lau­ben­gang. Jede Men­ge Platz gibt es in den rund 60 Gebäu­den und so wer­den eini­ge auch als Aus­stel­lungs­räu­me genutzt, etwa zur Geschich­te der Land­wirt­schaft in Nie­der­ös­ter­reich oder eine Aus­stel­lung ver­schie­de­ner Kum­me­te. Zuge­ge­ben: nicht alles davon ist von über­re­gio­na­ler Bedeutung.

Wir hät­ten noch viel mehr Zeit im Dorf ver­brin­gen kön­nen, aber die ohne­hin schon gekürz­te Tour woll­te noch zu Ende gefah­ren wer­den. Also wei­ter nach Bře­clav, wo wir in genau dem Zug lan­den, den wir beim ursprüng­li­chen Plan hät­ten neh­men wol­len. Als der Zug aus Hodo­nin mit 1 Minu­te Ver­spä­tung ein­fährt und wir kurz dar­auf das Abfahrt­si­gnal bekom­men, wis­sen wir: das wäre sich nie im Leben ausgegangen.

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