Tag 2: Brno – Brněnec – Svitavy

⌴ 87.0km ⋅ ◿ 528hm ⋅ ◺ 292hm ⋅ ⤓ 204m ⋅ ⤒ 444m ⋅ ☀︎ 31°C ⋅ ◷ 5:05:47 ⋅ Σ 86km

Die Hit­ze kommt in Brno aus Öster­reich, der Süd­ost­wind treibt sie in die Stadt, wo sie dann in den Hügeln im Nor­den hän­gen bleibt und die Stadt auf­heizt. Trotz­dem waren wir heu­te lie­ber hier als in Wien, es war deut­lich küh­ler und in den erwähn­ten Hügeln sogar rich­tig ange­nehm am Vor­mit­tag. Die Hügel sind näm­lich bewal­det und wir bewe­gen uns im Fluss­tal. Das Ziel ist früh in Svi­ta­vy zu sein und so der gröss­ten Hit­ze zu ent­kom­men und wir sind gut unter­wegs um die­ses Ziel zu errei­chen. Mit­tag­essen im Ste­hen vor einem der zahl­rei­chen Greiss­ler mit Roh­lik und Käse, dann wei­ter und dann sehen wir auf einem Stras­sen­schild den Namen „Brněnec“. Moment! Da klin­gelt etwas. Ist das etwa? Da habe ich doch erst unlängst etwas gehört! Ist das ein gros­ser Umweg? Nein, wir fah­ren sogar direkt durch, also blei­ben wir ste­hen und schau­en und staunen.

Wem Brněnec nichts sagt, dem wird viel­leicht Brünn­litz etwas sagen. Auch nicht? „Schind­lers Lis­te“ viel­leicht? Die Fabrik, in die Oskar Schind­ler 1200 Jüdin­nen und Juden aus Kraków mit­ge­nom­men hat, die dadurch das Ende des Zwei­ten Welt­kriegs erlebt haben, die­se Fabrik befin­det sich in die­sem klei­nen Ort rund 50 Kilo­me­ter von Brno ent­fernt. Ein Teil der Gebäu­de steht noch und wur­de erst letz­tes Jahr als „Muse­um of Sur­vi­vors“, als „Muse­um der Über­le­ben­den“ eröff­net. Am Muse­ums­pro­jekt betei­ligt sind Nach­kom­men von „Schind­ler-Juden“ und auch der urspüng­li­chen Eigen­tü­mer­fa­mi­lie der Fabrik, der Fami­lie Löw-Beer. Die­se jüdi­sche Fami­lie von Indus­tri­el­len ist uns bei Fahr­ten durch Mäh­ren und Nie­der­ös­ter­reich schon öfter begeg­net, wenn auch nicht per­sön­lich, denn die Mit­glie­der, die es 1938 ins Aus­land geschafft haben, sind dort geblieben. 

Die Öff­nungs­zei­ten des neu­en Muse­ums sind etwas knapp bemes­sen, so haben wir nicht ein­mal 90 Minu­ten Zeit für den Film, der die Geschich­te des Pro­jekts erzählt, die Text-Tafeln und Fotos und einen Rund­gang zwi­schen den Gebäu­den. Eine hal­be Stun­de län­ger wäre schon noch gut gewe­sen, aber lei­der schliesst man schon um 15 Uhr. Wir sind jeden­falls ziem­lich beein­druckt, auch des­halb, weil das Muse­um auch ver­sucht die Rol­le von Emi­lie Schind­ler, der Ehe­frau von Oskar Schind­ler, ange­mes­sen zu wür­di­gen. Sie war nicht nur Ehe­frau, son­dern an der Ret­tung der 1200 Men­schen aktiv betei­ligt. Fazit: wir emp­feh­len einen Besuch.

Die Nacht ver­brin­gen wir in Svi­ta­vy, der Geburts­stadt von Oskar Schind­ler, was aber nicht der Grund dafür ist, dass es uns hier­her gezo­gen hat. Das war eher die Tat­sa­che, dass die Stadt doch etwas höher gele­gen ist, damit ver­mut­lich auch küh­ler, und aus­ser­dem waren wir hier hin der Gegend noch nie län­ger. Die hie­si­ge Regi­on trägt auf Deutsch den schrä­gen Namen „Schön­hengst­gau“ und war bis 1945 eine deut­sche Sprach­in­sel im Nor­den des Grenz­ge­bie­tes von Mäh­ren und Böh­men. Das ent­neh­men wir der Wiki­pe­dia, die einen geschicht­li­chen Abriss über die Regi­on gibt: Mit­tel­al­ter bis zum 19. Jahr­hun­dert, dann ein Kapi­tel über das 20. Jahr­hun­dert, des­sen vor­letz­ter Absatz damit endet, dass Kon­rad Hen­lein, der Füh­rer der Sude­ten­deut­schen Par­tei, Gau­lei­ter wur­de. Der letz­te Absatz des Kapi­tels behan­delt das Ende des Welt­kriegs. Dazwi­schen: nichts. Gehen Sie wei­ter, hier gibt es nichts zu sehen! Das Schick­sal der Ver­folg­ten des NS-Regimes, die Rüs­tungs­in­dus­trie, die Ent­eig­nun­gen (auch die Schind­ler-Fabrik war ein „ari­sier­ter“ Betrieb“), die Aus­sen­la­ger des KZ Groß-Rosen? Die­se Geschich­te befin­det sich im Zei­len­um­bruch zwi­schen dem 4. und dem 5. Absatz des Kapi­tels. Falls unter unse­ren Leser*innen jemand ist, der sich in der Geschich­te der Regi­on aus­kennt: der Arti­kel ver­dient eine Überarbeitung!

Am Abend spa­zie­ren wir durch die men­schen­lee­re Innen­stadt von Svi­ta­vy. Wun­der­schö­ne Arka­den­gän­ge beid­seits des Haupt­plat­zes, aber kaum Men­schen, ein paar his­to­ri­sche Gebäu­de aus­ser­halb des Zen­trums, dar­un­ter das heu­ti­ge Rat­haus in einem Stadt­park, der auch einer grös­se­ren Stadt alle Ehre machen wür­de. Und hier sind sie alle, beim Som­mer­fest der Stadt mit Kon­zert­büh­ne, Stän­den mit Essen und Bier, Som­mer­ki­no und Eis. Na, wenn das so ist, müs­sen wir auch nicht ins Restau­rant. Wir holen uns ein Bier hier, Brambo­ro­vé Pla­cky (gefüll­tes Fla­den­brot aus Kar­tof­fel­teig) dort und unse­re Lie­ge­stüh­le geben wir nicht mehr auf!

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