Die Hitze kommt in Brno aus Österreich, der Südostwind treibt sie in die Stadt, wo sie dann in den Hügeln im Norden hängen bleibt und die Stadt aufheizt. Trotzdem waren wir heute lieber hier als in Wien, es war deutlich kühler und in den erwähnten Hügeln sogar richtig angenehm am Vormittag. Die Hügel sind nämlich bewaldet und wir bewegen uns im Flusstal. Das Ziel ist früh in Svitavy zu sein und so der grössten Hitze zu entkommen und wir sind gut unterwegs um dieses Ziel zu erreichen. Mittagessen im Stehen vor einem der zahlreichen Greissler mit Rohlik und Käse, dann weiter und dann sehen wir auf einem Strassenschild den Namen „Brněnec“. Moment! Da klingelt etwas. Ist das etwa? Da habe ich doch erst unlängst etwas gehört! Ist das ein grosser Umweg? Nein, wir fahren sogar direkt durch, also bleiben wir stehen und schauen und staunen.
Wem Brněnec nichts sagt, dem wird vielleicht Brünnlitz etwas sagen. Auch nicht? „Schindlers Liste“ vielleicht? Die Fabrik, in die Oskar Schindler 1200 Jüdinnen und Juden aus Kraków mitgenommen hat, die dadurch das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt haben, diese Fabrik befindet sich in diesem kleinen Ort rund 50 Kilometer von Brno entfernt. Ein Teil der Gebäude steht noch und wurde erst letztes Jahr als „Museum of Survivors“, als „Museum der Überlebenden“ eröffnet. Am Museumsprojekt beteiligt sind Nachkommen von „Schindler-Juden“ und auch der urspünglichen Eigentümerfamilie der Fabrik, der Familie Löw-Beer. Diese jüdische Familie von Industriellen ist uns bei Fahrten durch Mähren und Niederösterreich schon öfter begegnet, wenn auch nicht persönlich, denn die Mitglieder, die es 1938 ins Ausland geschafft haben, sind dort geblieben.
Die Öffnungszeiten des neuen Museums sind etwas knapp bemessen, so haben wir nicht einmal 90 Minuten Zeit für den Film, der die Geschichte des Projekts erzählt, die Text-Tafeln und Fotos und einen Rundgang zwischen den Gebäuden. Eine halbe Stunde länger wäre schon noch gut gewesen, aber leider schliesst man schon um 15 Uhr. Wir sind jedenfalls ziemlich beeindruckt, auch deshalb, weil das Museum auch versucht die Rolle von Emilie Schindler, der Ehefrau von Oskar Schindler, angemessen zu würdigen. Sie war nicht nur Ehefrau, sondern an der Rettung der 1200 Menschen aktiv beteiligt. Fazit: wir empfehlen einen Besuch.
Die Nacht verbringen wir in Svitavy, der Geburtsstadt von Oskar Schindler, was aber nicht der Grund dafür ist, dass es uns hierher gezogen hat. Das war eher die Tatsache, dass die Stadt doch etwas höher gelegen ist, damit vermutlich auch kühler, und ausserdem waren wir hier hin der Gegend noch nie länger. Die hiesige Region trägt auf Deutsch den schrägen Namen „Schönhengstgau“ und war bis 1945 eine deutsche Sprachinsel im Norden des Grenzgebietes von Mähren und Böhmen. Das entnehmen wir der Wikipedia, die einen geschichtlichen Abriss über die Region gibt: Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert, dann ein Kapitel über das 20. Jahrhundert, dessen vorletzter Absatz damit endet, dass Konrad Henlein, der Führer der Sudetendeutschen Partei, Gauleiter wurde. Der letzte Absatz des Kapitels behandelt das Ende des Weltkriegs. Dazwischen: nichts. Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen! Das Schicksal der Verfolgten des NS-Regimes, die Rüstungsindustrie, die Enteignungen (auch die Schindler-Fabrik war ein „arisierter“ Betrieb“), die Aussenlager des KZ Groß-Rosen? Diese Geschichte befindet sich im Zeilenumbruch zwischen dem 4. und dem 5. Absatz des Kapitels. Falls unter unseren Leser*innen jemand ist, der sich in der Geschichte der Region auskennt: der Artikel verdient eine Überarbeitung!
Am Abend spazieren wir durch die menschenleere Innenstadt von Svitavy. Wunderschöne Arkadengänge beidseits des Hauptplatzes, aber kaum Menschen, ein paar historische Gebäude ausserhalb des Zentrums, darunter das heutige Rathaus in einem Stadtpark, der auch einer grösseren Stadt alle Ehre machen würde. Und hier sind sie alle, beim Sommerfest der Stadt mit Konzertbühne, Ständen mit Essen und Bier, Sommerkino und Eis. Na, wenn das so ist, müssen wir auch nicht ins Restaurant. Wir holen uns ein Bier hier, Bramborové Placky (gefülltes Fladenbrot aus Kartoffelteig) dort und unsere Liegestühle geben wir nicht mehr auf!
Die Fotos



































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