Tag 2: Eben­see am Traunsee

Σ 97km

Das Salz­kam­mer­gut ist bekannt für Ope­ret­ten, Kai­ser­wet­ter (oder auch das Gegen­teil davon: Schnürl­re­gen zwei Wochen lang am Stück), Som­mer­fri­sche und Höh­len, Hall­statt und Bad Ischl. Kurz: es ist eine der top Tou­ris­mus Desti­na­tio­nen in Öster­reich. Das merkt man dann auch im am Wochen­en­de auf Desi­ro ver­län­ger­ten REX nach Stai­n­ach-Ird­ning, der ist näm­lich voll mit Tourist*Innen und Ausflügler*innen auf dem Weg in die Ber­ge. In Att­nang-Puch­heim ist der Zug voll, aber eine tap­fe­re Dame kämpft sich durch und ver­teilt Fra­ge­bö­gen zur Kun­den­zu­frie­den­heit mit dem Ser­vice der ÖBB. „Mir san sehr zufrie­den und neh­men glei no vier Bier“, sagen die Mit­rei­sen­den am Tisch ein paar Rei­hen vor uns und fül­len dann brav den Fra­ge­bo­gen aus, obwohl es für die Beant­wor­tung anstel­le des Bie­res nur einen Kugel­schrei­ber gibt.

Der Traun­see wird trotz Wol­ken gern foto­gra­fiert, aber in Eben­see sind wir die ein­zi­gen Fahr­gäs­te, die den Zug ver­las­sen. Hier gibt es einen der inter­es­san­te­re Ort des Salz­kam­mer­gu­tes, aber davon steht ver­mut­lich nicht viel im Rei­se­füh­rer: das KZ Eben­see mit sei­nen Stol­len­an­la­gen wur­de ein wenig aus­ser­halb des Ortes errich­tet und soll­te eine siche­re Pro­duk­ti­on von Rake­ten für die NS-Kriegs­ma­schi­ne­rei ermög­li­chen als Pee­ne­mün­de durch Flie­ger­an­grif­fe schwer beschä­digt wor­den war. Eben­see war ein Außen­la­ger des KZ Maut­hau­sen, obers­tes Ziel die „Ver­nich­tung durch Arbeit“, gleich­zei­tig aber soll­te es eine Pro­duk­ti­ons­stät­te für Rüs­tungs­gü­ter sein (zuerst Rake­ten, dann Steyr-Daim­ler und Raf­fi­ne­rie) – und die­se bei­den Aspek­te des Lagers zusam­men führ­ten wohl zu den hohen Todes­ra­ten: voll­kom­men unzu­rei­chen­de Ernäh­rung, Beklei­dung und Hygie­ne, hoher Druck und dau­ern­des Arbei­ten im Lauf­schritt, Per­so­nal­man­gel, NS-Ras­sen­hier­ar­chie, sadis­ti­sches SS-Per­so­nal und eine spä­te Befrei­ung im Mai 1945. Rund 8000 Todes­op­fer, dar­un­ter vie­le noch in den Tagen und Wochen nach der Befrei­ung. Es wären noch viel mehr gewe­sen, wäre der Plan der Lager­lei­tung die Häft­lin­ge mit­samt den Tun­nel­an­la­gen in die Luft zu spren­gen, aufgegangen.

Vom Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger sind heu­te nur noch weni­ge Res­te übrig, weil man sich in der Nach­kriegs­zeit ent­schlos­sen hat das ehe­ma­li­ge Lager­ge­län­de als Bau­grün­de für Ein­fa­mi­li­en­häu­ser zu ver­wen­den. Hier ist einer­seits noch die alte Ein­fahrt ins Lager zu sehen, ande­rer­seits ein Fried­hof, errich­tet auf dem KZ-Gelän­de, wo ehe­mals Mas­sen­grä­ber ange­legt wor­den waren. An die­ser Stel­le fin­det das offi­zi­el­le Geden­ken der Natio­nen für ihre Toten eben­so statt wie das indi­vi­du­el­le mit zahl­rei­chen klei­nen Pla­ket­ten und Fotos, auf denen ein­zel­ner Opfer oder Opfer­grup­pen gedacht wird. 

Von den Stol­len­an­la­gen ist ein Stück heu­te als Gedenk­ort zugäng­lich. Man geht im Regen einen Wald­weg ent­lang und biegt lang­sam links ab. Ab hier sieht man alles, was es zu sehen gibt: einen hell erleuch­te­ten, innen mit Beton ver­stärk­ten Stol­len mit hoher Decke, in dem sich links und rechts die Tafeln einer Aus­stel­lung befin­den. Was man nicht sieht: die feuch­ten 8 Grad im Tun­nel (wer im Som­mer zu Besuch kommt, soll­te drin­gend eine Jacke mit­neh­men), das ste­te Trop­fen von der Decke, den Sei­ten­gang mit den noch immer gut erhal­te­nen Krän­zen von der Befrei­ungs­fei­er vor ein paar Wochen.

Die Aus­stel­lung im Stol­len ist umfang­reich, eben­so die­je­ni­ge im Zeit­ge­schich­te Muse­um Eben­see, zu der wir nach der Besich­ti­gung der Gedenk­stät­te wei­ter wan­dern. Das Muse­um wid­met sich der Zeit­ge­schich­te der Regi­on nach 1918 und wird über­all dort inter­es­sant, wo es sich nicht mit den ohne­hin bekann­ten Fak­ten beschäf­tigt, son­dern auf die regio­na­len Aspek­te des Salz­kam­mer­gu­tes ein­geht, dar­un­ter auch die noch immer zu wenig bekann­te Geschich­te des Wider­stan­des in die­ser Regi­on, an dem auch eini­ge Frau­en in pro­mi­nen­ter Posi­ti­on betei­ligt waren. Die Aus­stel­lung ist wirk­lich umfang­reich, an man­chen Punk­ten wegen der Kom­bi­na­ti­on von spie­geln­den Glas­flä­chen und nicht opti­mal auf­be­rei­te­ten Fak­si­mi­le-Doku­men­te aber lei­der stel­len­wei­se nicht opti­mal les­bar. Das soll­te jedoch nicht vom Besuch abschre­cken – Gedenk­stät­te und Muse­um hät­ten durch­aus noch ein paar wei­te­re Besucher*innen verdient.

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