Tag 2: Brno

Σ 146km

Wenn der Wecker um 8 klin­gelt und wir frei­wil­lig auf­ste­hen, und das auch noch an einem Sams­tag, dann sind wir auf Urlaub. OK, es war jetzt nicht ganz so, dass wir freu­dig juch­zend aus dem Bett gesprun­gen sind, aber wenn man ein Ziel hat, dann kommt man auch irgend­wie in die Ver­ti­ka­le und zum absurd aus­gie­bi­gen Früh­stücks­buf­fet. Das Hotel liegt stra­te­gisch güns­tig für den heu­ti­gen Tag, einen Stein­wurf ent­fernt vom zen­tra­len Frei­heits­platz in Brno. Den Stein könn­te man übri­gens einer aus einer der zahl­rei­chen Bau­stel­len neh­men, die Stadt wird der­zeit an allen Ecken auf­ge­ris­sen und bekommt neue Lei­tun­gen. Ob sie irgend­wann auch einen neu­en Bahn­hof bekommt, ist noch nicht so klar, aber falls man bei der Gele­gen­heit auch die Ver­kehrs­or­ga­ni­sa­ti­on vor dem alten Bahn­hof angreift, gibt das ein Ver­kehrs­chaos. Dort ver­lau­fen bis zu 6 Stras­sen­bahn­glei­se in einem inter­es­san­ten Zopf­mus­ter, das an einen iri­schen Pull­over erin­nert, dazwi­schen Fussgänger*innen, Autos und Taxis. Das funk­tio­niert solan­ge nie­mand die Fra­ge stellt, war­um es funk­tio­niert oder gar ver­sucht das Funk­tio­nie­ren in Regeln zu giessen.

Die Stras­sen­bahn ist hier in der Stadt nicht nur das wich­tigs­te Ver­kehrs­mit­tel des ÖPNV – über 200 Mil­lio­nen Fahr­gäs­te wer­den bei rund 400.000 Einwohner*innen von Bus und „Šali­na“ (Stras­sen­bahn) beför­dert – und sie hat auch eine gan­ze Men­ge ein­ge­fleisch­ter Fans. Die ver­sam­meln sich heu­te auf dem Frei­heits­platz und in der angren­zen­den Fuss­gän­ger­zo­ne zum Hoch­amt der mäh­ri­schen Fer­ro­phi­len: es ist „Trans­port Nost­al­gie“ und man hat in den letz­ten Tagen noch Bus­se und Stras­sen­bah­nen aus dem Depot auf Hoch­glanz poliert. Hoch­glanz ist wört­lich zu ver­ste­hen, da ist kein Staub­korn auf dem Blech zu sehen, sogar die Dampf­tram­way „Caro­li­ne“ und das Fell der „Moto­ren“ der Pfer­de­stras­sen­bahn glän­zen in der Vor­mit­tags­son­ne. Wir schrei­ten die Para­de ab und neh­men im zwei­ten Zug Platz, in einem Bei­wa­gen aus 1926, gera­de noch recht­zei­tig bevor ein Regen­guss ver­sucht die Stim­mung zu ver­der­ben. Erfolg­los, denn um tsche­chi­sche Stras­sen­bahn­fans in ihrer Funk­ti­ons­klei­dung zu ver­trei­ben muss man sich mehr ein­fal­len las­sen als einen 5 Minu­ten dau­ern­den Guss. Und auch die frisch geputz­ten Chas­sis der his­to­ri­schen Fahr­zeu­ge neh­men es nicht übel. Dafür aber hat es jetzt im Wagen ca. 100% Luft­feuch­tig­keit, wäh­rend wir an den Stadt­rand ins Stras­sen­bahn­de­pot zuckeln.

Im Stras­sen­bahn­de­pot hin­ter dem Mes­se­ge­län­de ist End­sta­ti­on, wenn man nur ein ein­fa­ches Ticket gebucht hat. Das haben wir, weil wir dar­auf spe­ku­liert haben, dass wir dort einen Platz in der „Caro­li­ne“ ergat­tern, und tat­säch­lich: wir haben Glück und wer­den auf der Rück­fahrt im schnau­fen­den und stamp­fen­den Gefährt aus 1889 von Hun­der­ten Men­schen auf Fotos gebannt. Es ist aber auch ein Spek­ta­kel, wenn die „Caro­li­ne“ ihre Run­de durch die Stadt dreht: sie pfeift ohren­be­täu­bend, faucht und stinkt und hat gleich drei Begleit­fahr­zeu­ge dabei: eine vor­aus­fah­ren­de „nor­ma­le“ Stras­sen­bahn, die ihr die Wei­chen stellt, die Feu­er­wehr und die Poli­zei, die die Sei­ten­stras­sen absperrt. Aber wo sonst in Mit­tel­eu­ro­pa kann man so ein Fahr­zeug in echt erle­ben statt nur im Depot ste­hen sehen?

Die nächs­te Sta­ti­on ist dann wie­der in der Stadt am unprak­ti­schen Bahn­hof. Hier fährt heu­te eine wei­te­re schwar­ze Schön­heit in Dampf: eine Bau­rei­he 475.1, bekannt unter dem Namen „Šlech­tič­na“ (Edel­frau), ein Modell aus der unmit­tel­ba­ren Nach­kriegs­zeit, also gan­ze zwei Gene­ra­tio­nen jün­ger als die „Caro­li­ne“. Hier hat es lei­der kei­nen Sinn auf Tickets zu spe­ku­lie­ren, die hät­te man vor­her buchen müss­ten, was wir natür­lich nicht getan haben, weil wir erst ges­tern erfah­ren haben, dass es die­se Son­der­fahrt gibt. Macht nichts, wird es wie­der geben, und wir haben die Gele­gen­heit am Bahn­hof rum­zu­ste­hen und einer „Tau­cher­bril­le“ beim Ran­gie­ren zuzu­se­hen und die Eisen­bahn­fans zu beob­ach­ten, wie sie sich in Stel­lung brin­gen für die Aus­fahrt des Stars. Wenn die „Caro­li­ne“ ein Sopran ist, dann hat die „Šlech­tič­na“ eher die Stim­me von Tina Tur­ner: tief, rauh und ohren­be­täu­bend laut. Man mag sich nicht in ihrer Nähe auf­hal­ten, tut es aber trotzdem.

Mit der Tram­way Para­de ist das Tech­ni­sche Muse­um Brünn in die Stadt gekom­men, aber nicht die gesam­te Samm­lung ist mit dabei. Es gibt draus­sen am Stadt­rand das eigent­li­che Haus und dort fah­ren wir heu­te auch noch hin. Es hat eine recht inter­es­san­te Samm­lung: ein Teil ist ein­ge­rich­tet wie eine Gas­se aus der Zwi­schen­kriegs­zeit mit Gewer­be­be­trie­ben, einem Wirts­haus und einer Zahn­arzt­pra­xis mit ihren tech­ni­schen Gerät­schaf­ten. Mehr Hei­mat­mu­se­um als tech­nisch, aber sehr hübsch gemacht. Dane­ben eine Abtei­lung über Blin­den­schrift, ‑druck und ‑schu­le, und Radi­os und Tele­fo­ne. Autos und Motor­rä­der haben eine eige­ne Abtei­lung, aber lei­der hat die Aus­stel­lung eine klei­ne, für uns aber lei­der sehr rele­van­te Schwä­che: sie ist auf Tsche­chisch. Bis auf weni­ge Aus­nah­men nur auf Tsche­chisch, nur der tem­po­rä­re Teil über Metall­ver­ar­bei­tung ist auch auf Eng­lisch beschrif­tet, aber auch das lei­der nur zur Hälf­te. Im Unter­ge­schoss reicht es uns dann mit den Tex­ten, wir bemü­hen Goog­le Trans­la­te, denn hier wird es wirk­lich nett: eine Samm­lung his­to­ri­scher Rechen­ma­schi­nen (ana­log und digi­tal) und meh­re­re Com­pu­ter­sys­te­me aus den 70er und 80er Jah­ren wecken unser Inter­es­se. Die­se Maschi­nen stam­men teil­wei­se aus west­li­cher Pro­duk­ti­on (HP, Digi­tal, IBM), waren aber schon zu Zei­ten des Ost­blocks in der Tsche­cho­slo­wa­kei im Ein­satz, es gibt aber auch tsche­chi­sche und auch sowje­ti­sche Sys­te­me zu sehen. Manns­ho­he, schrank­brei­te Rechenan­lan­gen, aber auch frü­he PCs und die gan­ze Rie­ge der Home­com­pu­ter der 80er Jah­re (Sin­clair, Com­mo­do­re etc.), Spie­le, Medi­en und auch so pro­fa­ne Din­ge wie Tas­ta­tu­ren und Mäu­se. Wir haben wohl fast eine Stun­de im Unter­ge­schoss zuge­bracht, wo auch noch eine Samm­lung his­to­ri­sche Elek­tro­nen­mi­kro­sko­pe prä­sen­tiert wird. Lei­der kei­ne Tex­te in Fremd­spra­chen, seufzt der Muse­ums­auf­se­her und wir seuf­zen mit, denn wäh­rend wir von his­to­ri­schen Com­pu­tern noch halb­wegs etwas ver­ste­hen, hät­ten die Erläu­te­run­gen und Gra­fi­ken bei den Elek­tro­nen­mi­kro­sko­pen sehr gehol­fen. Wenn es denn wenigs­tens die im Muse­um ange­kün­dig­te App gege­ben hät­te, doch der Link geht ins Lee­re. Wer tsche­chisch lesen kann: das Unter­ge­schoss ist sehr zu empfehlen!

Nach drei Stun­den im Muse­um geht es wie­der in die Stadt. Wir haben müde Bei­ne, brau­chen ein Eis und dann ein Bier. Oder zwei. Oder auch drei?

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