Tag 5: Suwałki – Marijampolė

⌴ 74.7km ⋅ ◿ 396hm ⋅ ◺ 493hm ⋅ ⤓ 62m ⋅ ⤒ 227m ⋅ ◷ 4:49:05 ⋅ Σ 359km

Beim Ver­las­sen der Stadt kom­men wir an einem sowje­ti­schen Sol­da­ten­fried­hof vor­bei, den wir kurz besu­chen. Er befin­det sich auf einem Teil des ehe­ma­li­gen Sta­lag I‑F, eines deut­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen­la­gers von enor­men Aus­mas­sen, in dem über 100.000 Sol­da­ten gefan­gen gehal­ten wur­den, von denen nur knapp die Hälf­te die Haft­be­din­gun­gen über­leb­te. Bara­cken gab es hier näm­lich eben­so­we­nig wie aus­rei­chen­de Ver­pfle­gung, die Gefan­ge­nen ver­such­ten sich in Erd­lö­chern vor den eisi­gen Win­tern zu schüt­zen. Für die­se Opfer gibt es hier auf dem Fried­hof kei­ne Grä­ber, die Grab­stei­ne tra­gen alle das Jahr 1944 als Ster­be­da­tum, d.h. sie stam­men vom Vor­marsch der Sowjet­uni­on in Rich­tung Berlin.

Nach etwas über 30 Kilo­me­tern auf einer Stras­se, die sich immer schmä­ler und immer weni­ger befah­ren durch Fel­der und Wald schlän­gelt, über­que­ren wir die Gren­ze. Der­zeit wird die­se Gren­ze von einem pol­ni­schen Grenz­sol­da­ten mit dem Gewehr im Arm vor dem bösen Schen­gen-Ver­trag beschützt, als Revan­che dafür, dass Deutsch­land an der pol­ni­schen West­gren­ze eben­falls Grenz­kon­trol­len ein­ge­führt hat. Das wird die Deut­schen aber sehr tref­fen, wenn hier zwi­schen Fich­ten und Moo­sen kon­trol­liert wird – und wie­der ein­mal stirbt die euro­päi­sche Rei­se­frei­heit ein Stückerl.

Nach der Gren­ze geht es zuerst ein paar Kilo­me­ter durch extrem dünn besie­del­tes Gebiet, wir sehen kaum einen Men­schen. Und kon­se­quen­ter­wei­se ist nach weni­gen Kilo­me­tern dann plötz­lich auch die Stras­se zu Ende, denn wer will denn schon gross drauf fah­ren? Und die, die dar­auf fah­ren wol­len, haben ein­fach einen Gelän­de­wa­gen zu haben und nicht Fahr­rä­der mit Stras­sen­be­rei­fung, mit denen man auf der Sand-Schot­ter-Pis­te abwech­selnd ver­sinkt und auf­schwimmt. Kaum ist der kilo­me­ter­lan­ge Spa­zier­gang mit Fahr­rad zu Ende, kommt die nächs­te Gemein­heit um die Ecke: es beginnt so reg­nen und kurz dar­auf so sehr zu schüt­ten, dass das Was­ser auf der Fahr­bahn ste­hen bleibt. Wir sind inner­halb von Minu­ten bis auf die Unter­wä­sche nass und durch­ge­fro­ren, wer­den aber auf den letz­ten 30 Kilo­me­tern vom nun ein­set­zen­den hef­ti­gen Gegen­wind tro­cken geföhnt. Mir reichts.

Und das alles nur um dann in Mari­jam­polė zu lan­den? Einer Stadt, von der der Rei­se­füh­rer sagt, dass man sich den Besuch ger­ne erspa­ren kann. Eigent­lich hat er recht, denn hier gibt es irgend­wie nichts, kein ech­tes Zen­trum, kaum Men­schen auf den Stras­sen, der Haupt­platz ist eine Stein­wüs­te, die ger­ne mehr wäre, aber dafür müss­te mal jemand über­haupt einen Grund haben hin­zu­kom­men. Den gibt es aber nach Ende der Büro­zei­ten nicht, und so woh­nen wir heu­te Nacht gleich­sam im Regie­rungs­vier­tel von St. Pöl­ten. In einem Punkt aber muss ich den Rei­se­füh­rer kor­ri­gie­ren: es gibt doch eine Sehens­wür­dig­keit hier in der Stadt und wer mit dem Zug anreist, hat es dann nicht ein­mal weit: es ist der Bahn­hof der Stadt aus den 20er Jah­ren, lie­be­voll reno­vier­ter Back­stein mit Türm­chen und dunk­len Holz­bän­ken im War­te­saal, durch den eine Hand­voll Züge pro Tag auf (noch immer) rus­si­scher Breit­spur dieselt.

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    Suwałki – Marijampolė

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