Tag 1: Venezia

Was macht ein Fahrradblog in Venedig, der bekanntermassen fahrradunfreundlichsten Stadt Europas, wo man nicht nur nicht mit dem Rad fahren darf, wo es einfach auch unmöglich ist? Naja, wir machen das, was alle anderen auch tun: wir gehen zu Fuss. Auf uralten Steinplatten, auf dazwischen hingekleckstem Asphalt, auf Pflaster aller Grössen und Farben, treppauf und treppab über Brücken und Stege. Man könnte auch ein Schiff besteigen, aber unser Hotel liegt genau zwischen zwei Haltestellen, also wandern wir hinter den anderen nach in Richtung San Marco und dem naturhistorischen Museum. Praktischerweise ist diese Richtung nämlich an der Wand angeschrieben und wir müssen nur rechtzeitig links abbiegen. Gäbe es diese Hinweise nicht, wir wären im Labyrinth der Gassen und Gasserln, Plätze, Durchhäuser und Kanäle schnell verloren – überhaupt mit meinem Orientierungssinn.

Gefühlt ist jedes zweite oder dritte Haus der Anfang einer neuen Gasse, es bringt daher auch wenig sich die Strassennamen zu merken. Stattdessen merken wir uns Geschäfte: da ist das Computergeschäft mit den beiden Classic Macs in der Auslage, dort der Optiker mit den futuristischen Sonnenbrillen, dann kommt gleich der Bioladen. Hinter der Auslage mit den knallbunten Bialettis in allen Grössen gibt es Focaccia und Pizza am Stehtisch als Mittagessen. Ich glaube so ähnlich hat man sich im Mittelalter in einer Stadt orientiert, auch wenn die Venezianer*innen damals noch ohne Kaffee und Sonnenbrillen auskommen mussen – heute unvorstellbar!

Den Fischmarkt kann man nicht verfehlen, weder olfaktorisch noch akustisch. Ersteres ist klar, letzteres ist den Möwen geschuldet, die in den letzten Jahren die Herrschaft über die Stadt von den Tauben übernommen haben dürften. Wenn ich sage “Möwe”, dann meine ich nicht die niedliche Sorte, die wir auch in Wien am Donaukanal haben, sondern etwa hühnergrosse Raubtiere mit Laser-scharfen Augen, enormem Appetit und beachtlicher krimineller Energie, vor denen die Stadt Venedig unbedarfte Tourist*innen auf Schildern an den Mülleimern warnt. Es soll vorkommen, dass ein Mensch sein Sandwich auspackt, gerade hineinbeissen will und plötzlich mit leeren Händen dasteht, während das Sandwich im Schnabel einer Möwe davonfliegt, begleitet vom höhnischen Gelächter ihrer Artgenossinnen.

Abendessen gibt es in einer Seitengasse, die so schmal ist, dass man die Markise des Lokals nicht vollständig ausrollen kann. Wir ergattern den letzten Tisch in der Osteria und probieren uns durch das Menü und die Weinkarte. Während wir beim ersten Gang sind, wird für Stammgäste an der Bar dann aber doch noch ein allerletzter Platz geschaffen und ein allerallerletzter für ein Pärchen gleich an der Tür. Als dann noch ein Grüppchen junger Leute eintrifft, die nur ein Glas Wein und einen Snack auf die Hand wollen, findet sich auch noch ein Stehtisch vor dem Lokal, aber jetzt ist wirklich voll. Und das sind wir inzwischen auch. Und glücklich.

Die Fotos

Fediverse reactions


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