Ein Urlaubstag im November besteht hauptsächlich aus der Suche nach dem gerade schon oder gerade noch guten Licht für ein Foto. Die Sonne steht tief, die Schatten sind lang und ab 5 ist es dann finster oder, positiv formuliert, Zeit für Langzeitbelichtungen und andere Nachtaufnahmen. Bis es aber soweit ist, spazieren wir wieder zum Marcusplatz, vorbei an den beiden alten Macs, den spacigen Sonnenbrillen und dem Bioladen. Wir stellen uns in die Sonne, warten darauf, dass die Fassade der Basilika im richtigen Licht liegt, und beobachten Menschen und Vögel. Erstere machen die immer gleichen Instagram-Fotos von vor 10 Jahren (im Sprung vor dem Dom etc.) und ignorieren das Verbot letztere zu füttern. Die aber wissen das und haben ein Gespür dafür, wer gleich ein Sackerl mit Brot auspacken wird. Dieser Jemand ist ein kleines Kind, dem die Tauben das Brot aus den Händen nehmen, und auch die ach-so-gemeinen Möwen halten sich in ihrer Gier nobel zurück. Stehend reichen sie dem Kind bis zur Hüfte, aber in dem Alter ist alles irgendwie riesig. Ich würde mich vor einem Vogel in diesem Größenverhältnis sicher mehr fürchten.
Wir nehmen ein Boot zum Lido, der langgestreckten Insel vor der Lagune, die Venedig vor dem Meer schützt, und wohl einem der berühmtesten Strände Europas. Hier haben sich die Reichen und Schönen in luxuriösen Hotels niedergelassen und mit Meerluft und gesunder Kost kuriert, woran man um 1900 so gelitten hat, von Fadesse über Depression bis Tuberkulose. Noch mehr als die Reichen waren allerdings die Kinder des Industrieproletariats von der “Schwindsucht” genannten Tuberkulose betroffen, sie starben im 19. Jahrhundert in Massen an der ansteckenden Krankheit. Das Thema fand Eingang in Musik und Literatur (Verdi, Puccini, Thomas Mann etc.) und schliesslich begannen sich auch Mediziner und Philanthropen des Themas anzunehmen. Heilbar war die Krankheit zwar noch nicht, aber man gründete am Lido von Venedig gegen Ende des Jahrhunderts auch eine Heilanstalt für die Kinder armer Leute, das “Ospedale al mare”. Ursprünglich näher an den Hotels gelegen fand es in den 20er Jahren einen Platz etwas abseits, hinter dem jüdischen Friedhof, und belegte mit bis zu 33 Pavillons über 20 Hektar am Strand. Nicht nur tuberkulosekranke Kinder wurden hier behandelt, auch Soldaten, und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es zum Allgemeinen Krankenhaus ausgebaut, eine Stadt in der Stadt mit Liegeflächen, Strand, Bettenpavillons, Küchen und sogar einer eigenen Kirche und einem Theater. Seit seiner Räumung vor über 20 Jahren steht das ganze riesige Gelände leer und wartet auf eine Nachnutzung. Die Pläne ändern sich laufend und spiegeln den jeweils gerade aktuellen Hype. Sie reichen von Ferienclub (Club Med) bis zu Medizininformatikzentrum mit ganz viel Künstlicher Intelligenz. Bis da was gebaut ist verfallen die historischen Gebäude langsam vor sich hin.
Wir schlendern langsam weiter, zuerst zum jüdischen Friedhof, dann zum katholischen. Hier liegen die fast ausnahmslos hoch betagten Verstorbenen in kleinen Einzelgräbern mit weissen Steinplatten und Fotos auf dem Grabstein. Immer nur ein Verstorbener pro Grab. Ganz anders als in Österreich, wo man ja normalerweise im Familiengrab bestattet wird, hat man hier wenigstens im Tod Ruhe vor der Verwandtschaft.
Ausgehungert besteigen wir ein Boot zurück in die Stadt, suchen uns wieder ein Stück Pizza, und spazieren nördlich des Canal Grande durch das Viertel Cannaregio in Richtung des berühmten Ghettos von Venedig. Der Weg führt durch Gassen, die nicht ganz so eng sind wie in der unmittelbaren Altstadt, ein wenig mehr Himmel stört uns auch nicht. So richtig dicht besiedelt aber waren die drei Teile des Ghettos, wo sich zu Spitzenzeiten auf etwa einem Hektar Tausende Menschen drängten und man der Wohnungsnot nur dadurch entkommen konnte, dass man ein ums andere Mal ein Geschoss auf die Häuser drauf setzte. An der Wand eines der alten Gebäude findet sich ein Denkmal aus 1980 für die in der Shoah ermordeten Menschen aus Venedig, ein zweites, späteres, eine Ecke weiter. Beide stammen von Arbit Blatas, einem Künstler aus Litauen. Hätten wir nicht erwartet.
Die Fotos
























































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