Tag 3: Białys­tok – Augustów

⌴ 110.3km ⋅ ◿ 484hm ⋅ ◺ 496hm ⋅ ⤓ 118m ⋅ ⤒ 216m ⋅ ◷ 6:38:33 ⋅ Σ 195km

Nach zwei Tagen Gross­stadt gibt es heu­te das tota­le Kon­trast­pro­gramm. Zuerst eine Fahrt durch rund 100 km Gegend, teil­wei­se so ein­sam, dass man sich schon fast freut, wenn wenigs­tens ein paar Rind­vie­cher am Stras­sen­rand den Rad­fah­ren­den nach­schau­en. Wir hät­ten die Tour sogar noch ein­sa­mer haben kön­nen, wenn wir teil­wei­se durch den Wald gefah­ren wären, aber das spa­ren wir uns und unse­ren Rädern nach der gest­ri­gen Erfah­rung mit dem san­di­gen Unter­grund lie­ber. Hier bekommt man irgend­wie das Gefühl, dass weni­ge Kilo­me­ter wei­ter öst­lich Euro­pa, so wie wir es ken­nen, zu Ende ist, denn nach Bela­rus fährt man bes­ser nicht und auch sonst scheint es nicht viel Aus­tausch zu geben, wenn man nach den Auto­kenn­zei­chen geht: aus­schliess­lich loka­le pol­ni­sche und ein paar litaui­sche Autos und LKW waren heu­te auf unse­rer Stre­cke unter­wegs. A pro­pos Ver­kehr: hier sei noch ange­merkt, dass Białys­tok teil­wei­se über beein­dru­cken­de Fahr­rad­in­fra­struk­tur ver­fügt, zwar nur an den Haupt­stras­sen, aber genau dort braucht man sie ja auch. Die Qua­li­tät von Rad­we­gen, die wir in den letz­ten bei­den Tagen gese­hen haben, wür­de ich mir in einer öster­rei­chi­schen Stadt glei­cher Grös­se (Graz oder Linz) eben­so wün­schen. In einem aber sind Białys­tok und öster­rei­chi­sche Städ­te ein­an­der ähn­lich: mit der Stadt­gren­ze ändert sich die Zustän­dig­keit und somit auch der Rad­weg, heisst: er endet am Ortstaferl.

Nach 110 km dann kom­men wir in Augus­tów an, wo heu­te auch nicht gera­de der Bär steppt, denn ers­tens ist Mon­tag, zwei­tens ist das ein Kur­ort und drit­tens haben wir gera­de ein­mal 20 Grad. Wir gehen davon aus, dass hier ein war­mes Som­mer­wo­chen­en­de ganz anders ist, denn schliess­lich gibt es hier Strand und Hafen und mit dem Augus­tów-Kanal zwi­schen den Seen einen ech­ten Tou­ris­ten­ma­gne­ten. Der Kanal wur­de in den 1820er und 30er Jah­ren errich­tet als Reak­ti­on auf die preus­si­sche Zoll­po­li­tik, er hat aber wie so vie­le Kanä­le mit der Ankunft der Eisen­bahn, die hier erst 1899 erfolg­te, sei­ne Bedeu­tung ver­lo­ren. Heu­te kann man hier mit Aus­flugs­schif­fen auf und ab fah­ren oder mit dem eige­nen Segel- oder Motor­boot, einen Rad­weg ent­lang des Kanals aber scheint es lei­der nicht zu geben.

In den letz­ten rund 100 Jah­ren war Augus­tów mehr­fach Ort von Schlach­ten, im Ers­ten und im Zwei­ten Welt­krieg und auch in der bei uns so genann­ten Zwi­schen­kriegs­zeit, die hier aber wei­ter­hin von krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Polen, Litau­en, der Sowjet­uni­on, der Ukrai­ne und auch deut­schen „Frei­korps“ geprägt war. Wie wir bei unse­ren Tou­ren durch das öst­li­che Mit­tel­eu­ro­pa schon mehr­fach fest­ge­stellt haben, war der Krieg nicht mit dem Waf­fen­still­stand von 1918 ein­fach aus, er ging noch meh­re­re Jah­re wei­ter, so auch hier in der Gegend. Und als der Krieg dann tat­säch­lich been­det war, dau­er­te es gera­de eine hal­be Gene­ra­ti­on bis in rascher Abfol­ge sowje­ti­sche, deut­sche und wie­der sowje­ti­sche Trup­pen in Augus­tów ein­mar­schier­ten. Die deut­schen Besat­zer rot­te­ten die jüdi­sche Bevöl­ke­rung aus. Weni­ger bekannt aber ist das Ver­bre­chen der „Raz­zia von Augus­tów“, das die sowje­ti­sche Besat­zung am pol­ni­schen Wider­stand gegen den Kom­mu­nis­mus began­gen hat. Es ist ja schon nicht allen bekannt, dass es einen sol­chen Wider­stand gege­ben hat, und hier in der Umge­bung meh­re­re Tau­send Men­schen ver­haf­tet, teils gefol­tert und meh­re­re Hun­dert ver­schleppt und ermor­det wor­den. Das Denk­mal für die­ses „klei­ne Katyn“ befin­det sich aller­dings nicht hier im beschau­li­chen Kur­ort, son­dern wei­ter nord-öst­lich, näher an der bela­rus­si­schen Grenze.

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    Białys­tok – Augustów

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