Tag 4: Venezia

Wir sollten über den Begriff des “Bettelordens” reden. Heute waren wir nach Sonnenuntergang nämlich wieder in einer Kirche, in der Basilika “Santa Maria Gloriosa dei Frari”. Das ist eine stilistisch für Venedig eher untypische Kirche, sie ist nämlich gotisch. Ebenfalls untypisch ist das Datum ihrer Grundsteinlegung: der 15. August 1250. Heute unvorstellbar an Ferragosto jemanden zu finden, der einen Grundstein (oder was auch immer) legt, aber im 13. Jahrhundert scheint das gegangen zu sein. Man hat dann ein Zeiterl dran gebaut, wie immer, und jetzt steht sie da: Backsteingotik mit Masswerk in Weiss und Rosa, von Aussen eher schlicht, wenn es nicht eigentlich eine Bettelordenskirche wäre. Innen aber hat man mit Marmor nicht gegeizt und man hat sich ein paar echte Könner geholt zur Vervollständigung der Ausstattung: Tizian hat das Altarbild, Maria Himmelfahrt, gemalt, auf das man aus dem Chorgestühl einen besonders guten Blick hat. Das ist nämlich für uns, die wir eher an der französischen und an der deutschen Gotik geschult sind, eine echte Überraschung: wo wir eine Vierung erwartet hätten ist – nichts. Dafür aber befindet sich der Chor vor dem Altar, der Chorumgang mit Seitenkapellen ist gerade und geht um den Altarraum, und einen Lettner hat die Kirche auch noch. Es ergibt sich insgesamt der Eindruck einer Kirche in der Kirche, auch die Orgel ist Teil des inneren “Bauwerks”. Waren die Bettelorden nicht einmal mit Ansprüchen angetreten, die dieser Trennung entgegen stehen? Wir betrachten das Werk von Tizian und die marmorne Version in 3D im Langhaus, die Denkmäler für ein paar Dogen (eines davon wird von 4 Afrikanern “getragen” – Sklaven?) und die Marmorpyramide, die das Denkmal des Bildhausers Antonio Canova darstellt. Eine kleinere Ausgabe der Pyramide findet sich in der Augustinerkirche in Wien, eine weniger wichtige Ausgabe des Arsenals ebenfalls, man hat sich in Wien gern in Venedig Anleihen und Anregungen geholt.

Der Rest des Tages war eine lange Wanderung durch die Stadt, lt. Garmin kommen wir pro Tag auf mehr als 20 Kilometer in den letzten 4 Tagen. Schade, dass das Gelände der Biennale nur zu Zeiten der Biennale geöffnet hat, sonst wären es heute noch ein paar mehr gewesen. Am Nachmittag besteigen wir daher etwas fussmarod ein besonders langsames Vaporetto, die Linie 1, die am Canal Grande gleichsam Strassenbahn spielt und mal links, mal rechts zufährt. Als Landratten sind wir ja eher in den Gassen und auf den Brücken unterwegs, aber Venedig ist eine Stadt, die ihre Schauseiten in Richtung Wasser gerichtet hat. Wenn es nur nicht so kalt wäre eine Stunde lang auf den Plastiksitzen im Fahrtwind die Palazzi an sich vorbeiziehen zu lassen. Man könnte auch Glühwein und Jagatee ausschenken an Bord. Nur so als Anregung an die Verkehrsbetriebe von Venedig?

Inzwischen sitzen wir im Liegewagen des Nightjet, der eigentlich ein Schlafwagen hätte sein sollen, aber zwischen Wagen 401 und 403 ist eine Lücke, in der unser Wagen ideal Platz gehabt hätte. Was soll man machen? Die ÖBBler anpflaumen scheint der normale Weg zu sein, schliesse ich aus dem defensiven Verhalten des jungen Mannes and der Tür des Waggons. Das macht uns schon ein wenig traurig, denn was können die Angestellten dafür, dass ein ganzer Waggon fehlt? Haben wir heute halt keine Bettwäsche, kein Frühstück mit Darbo-Marmelade und kein eigenes Bad, aber um die Differenz, die in Kürze auf unserem ÖBB-Konto landen wird, suchen wir uns ein gutes venezianisches Restaurant in Wien. Empfehlungen werden gerne angenommen 😉

Die Fotos

Fediverse reactions


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