Tag 15: Wit­ten­berg – Leipzig

⌴ 87.2km ⋅ ◿ 387hm ⋅ ◺ 342hm ⋅ ⤓ 62m ⋅ ⤒ 133m ⋅ ☀︎ 22°C ⋅ ◷ 6:20:43 ⋅ Σ 1049km

Zwi­schen Bit­ter­feld und Leip­zig haben wir sie gefun­den, die blü­hen­den Land­schaf­ten, die Hel­mut Kohl damals ver­spro­chen hat. Bit­ter­feld und sei­ne Umge­bung war vor der Wen­de ein Zen­trum des Braun­koh­le­tag­baus, davor auch schon Indus­trie­stadt. Bevor die DDR unter­ging „erfreu­te“ sich die Stadt des Titels „dre­ckigs­te Stadt Euro­pas“, ein Titel, auf den sie aber nicht allein Anspruch erhe­ben konn­te, auch das pol­ni­sche Kato­vice hat­te da star­ke Ambi­tio­nen und wahr­schein­lich noch Dut­zen­de ande­re. Mit der Wen­de war Braun­koh­le dann ziem­lich pas­sé. Man­che Ewig­gest­ri­ge haben das bis heu­te noch nicht ganz kapiert, vgl. Ham­ba­cher Forst vor ein paar Jah­ren, aber schon in den 80ern war jede Ton­ne Braun­koh­le, die im Boden ver­bleibt, ein Gewinn für die Umwelt, umso mehr gilt das natür­lich heu­te. Rei­hen­wei­se wur­den in den frü­hen 1990er Jah­ren die Tage­baue der Gegend geschlos­sen, und das was davon geblie­ben ist, trägt den schö­nen Namen „Tage­bau­rest­loch­seen“. Um genau sol­che han­delt es sich: die Löcher, die der Tage­bau hin­ter­lässt, wer­den oft mit Was­ser geflu­tet, was ein­fa­cher klingt als es ist. Man kann nicht ein­fach war­ten, dass das ohne­hin vor­han­de­ne Grund­was­ser den Job schon erle­di­gen wird, denn die Res­te des Berg­baus reagie­ren mit dem Was­ser, was zu che­mi­schen Cock­tails führt, die eine Nut­zung als Bade­see o.ä. nicht erlau­ben. Nein, die Besei­ti­gung der Alt­las­ten des Braun­koh­le­ta­ge­baus ist eine auf­wän­di­ge Sache und es dau­ert lang bis sol­che ein See zum Angeln oder Baden frei­ge­ge­ben wer­den kann. Die Was­ser­vö­gel war­ten aller­dings nicht auf den Bescheid. Die Seen, an denen wir vor­über­ge­fah­ren sind, wer­den heu­te teil­wei­se als Frei­zeit­ge­biet ver­wen­det, teil­wei­se sind sie aber auch als Natur­schutz­ge­biet für die mensch­li­che Nut­zung gesperrt. So schnell kann es gehen: vom Decks­loch zum Natur­schutz­ge­biet in 30 Jahren.

Heu­te sind wir in Leip­zig, einer Stadt, die für ein paar Stun­den am Abend eigent­lich zu gross ist und mehr Zeit ver­die­nen wür­de. 600.000 Men­schen leben hier, Mes­se­stadt, Bücher­stadt, viel Geschich­te und Kul­tur und Musik. Kann man alles anschau­en und anhö­ren, wenn man sich die Zeit nimmt. Wenn man die nicht hat, muss man gut wäh­len. Wir wäh­len: den Haupt­bahn­hof. Das ist nach der über­bau­ten Flä­che gerech­net der gröss­te Bahn­hof Euro­pas, nach der Zahl der Glei­se einer der gröss­ten (die Pari­ser Bahn­hö­fe und Roma Ter­mi­ni sind z.B. grös­ser). Errich­tet in den Jah­ren vor dem Ers­ten Welt­krieg ist er eine der „Kathe­dra­len der Moder­ne“ mit monu­men­ta­ler Archi­tek­tur: fast 300 Meter ist das Gebäu­de mit den bei­den der Stadt zuge­wand­ten Ein­gangs­hal­len lang, die Bahn­hofs­hal­le an sich ist schon einen Besuch wert. Um sie auf ein Bild zu krie­gen, wan­dern wir den gan­zen Fern­bahn­steig 12/13 ent­lang bis zum Buch­sta­ben ‚H‘ und schau­en auf die sechs Bögen mit je 4 ordent­lich sor­tier­ten Glei­sen. In die ande­re Rich­tung wirkt das gan­ze viel weni­ger ordent­lich, denn Leip­zig ist ein Bahn­kno­ten­punkt, es gibt Glei­se in alle Rich­tun­gen, Ober­lei­tun­gen, Stell­wer­ke und Stell­wer­kerln, dazwi­schen hit­ze­re­sis­ten­tes Grün­zeug, das da eigent­lich nicht hin­ge­hört. Ein Teil der Glei­se ver­läuft übri­gens unter­ir­disch als Durch­gangs­glei­se, der alte Bahn­hof ist näm­lich ein Kopf­bahn­hof und somit zwar wun­der­schön, aber auch ziem­lich unpraktisch.

Wir spa­zie­ren zum Essen quer durch die Innen­stadt an den Rat­häu­sern vor­bei, die Tho­mas­kir­che hat selbst­ver­ständ­lich schon geschlos­sen, eine Kon­di­to­rei noch geöff­net (wer hat eigent­lich fest­ge­legt, dass man das Des­sert nach dem Haupt­gang essen muss? Aus­ser­dem: wer denkt bei einem Namen wie „Eier­sche­cke“ schon an ein Stück Tor­te?). Bei Auer­bachs Kel­ler sind gera­de gleich zwei Nacht­wäch­ter-Füh­rung gleich­zei­tig im Gan­ge und jetzt fällt es uns auf: man darf sich den Faust und Mephis­to nicht auf Burg­thea­ter­deutsch vor­stel­len, nein, der Teu­fel spricht säch­si­schen Dialekt!

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