Tag 13: Stral­sund – Ber­gen auf Rügen

⌴ 31.1km ⋅ ◿ 142hm ⋅ ◺ 128hm ⋅ ⤓ 1m ⋅ ⤒ 42m ⋅ ☀︎ 20°C ⋅ ◷ 1:46:10 ⋅ Σ 929km

Bevor wir uns mor­gen auf den Weg gen Süden machen, wird es Zeit eine klei­ne Bilanz zu zie­hen. Was spricht für einen Urlaub „im Nor­den“ und was dagegen?

Ers­tens ist das Kli­ma ein gros­ses Plus. Nach einem Som­mer mit 40 Grad in Wien sind die hie­si­gen Tem­pe­ra­tu­ren eine ech­te Erho­lung. Mein Kör­per kann jetzt wie­der Gän­se­haut. Der Nach­teil aller­dings ist das Wet­ter. An der Küs­te noto­risch unbe­re­chen­bar und wie in der Bre­ta­gne ist es hier durch­aus auch mal schön und das gleich 5 mal am Tag. Heu­te aller­dings war das nur ein ein­zi­ges Mal der Fall, wes­halb wir den Tag für Kul­tur genutzt haben. Und das ist dann …

Zwei­tens: Back­stein­go­tik. Lübeck, Wis­mar und Stral­sund sind Welt­kul­tur­er­be und das völ­lig zu Recht. Min­des­tens 3 gros­se goti­sche Kir­chen pro Stadt und heu­te sind wir auch dazu gekom­men zwei davon zu besu­chen. Eine davon, die Niko­lai­kir­che, hat sogar eine astro­no­mi­sche Uhr aus 1394. Wenn man aller­dings irgend­wo ein Schild ange­bracht hät­te, dass die­se Uhr seit ca. 500 Jah­ren nicht mehr geht, hät­ten wir es uns erspart die Zei­ger der Uhr und die Geset­ze der Astro­no­mie zur Deckung brin­gen zu wol­len (Hin­weis: geht nicht, der Son­nen­zei­ger steht falsch rum). Es gibt aber nicht nur Kir­chen son­dern auch Stadt­to­re und ande­re pro­fa­ne Bau­ten, dar­un­ter hier in Stral­sund etwas, das wir in die­ser Form noch nie ken­nen­ge­lernt haben: ein Haus aus dem frü­hen 14. Jahr­hun­dert, das vor dem Ver­fall geret­tet und ori­gi­nell auf­be­rei­tet wor­den ist. Es wur­de näm­lich nicht ver­sucht einen bestimm­ten Zeit­punkt zu restau­rie­ren, z.B. sowas wie „das Leben einer Kauf­manns­fa­mi­lie um 1700“. Statt­des­sen hat man das, was man im Zuge der Restau­rie­rung in den 1990er und frü­hen 2000er Jah­ren ent­deckt hat, als Zeug­nis der jewei­li­gen Zeit ste­hen gelas­sen. Dazu gehört ein Kel­ler, den man nur arsch­lings betre­ten kann und der eine Decken­hö­he auf­weist, die auf­rech­tes Ste­hen nicht ein­mal mir erlaubt. Im ers­ten Stock befin­det sich das ehe­ma­li­ge Kon­tor eines Kauf­manns neben der guten Stu­be und Küche und Schlaf­zim­mer für eine gan­ze Fami­lie mit in die Län­ge aus­zieh­ba­rem Kin­der- und in die Brei­te aus­zieh­ba­rem Eltern­bett. Die Räu­me sind nied­rig und den­noch mit ein­ge­zo­ge­nen Holz­de­cken ver­se­hen und man hat ver­schie­de­ne Schich­ten von Tape­ten frei­ge­legt, aus 3 Jahr­hun­der­ten. Enge, stei­le Trep­pen klet­tern wir nach oben in die ehe­ma­li­gen Lager­räu­me. Hier wer­den Fund­stü­cke des All­tags aus­ge­stellt: Werk­zeug ist in Rit­zen gefal­len, eine mumi­fi­zier­te Rat­te, Getrei­de und „Kolo­ni­al­wa­ren“ haben Res­te hin­ter­las­sen. Ganz oben befin­det sich noch die Seil­win­de, die zu einem sol­chen Gebäu­de ein­fach dazu­ge­hört. Sie hat über 600 Jah­re da oben über­lebt und war sogar noch funk­ti­ons­fä­hig als die Denkmalschützer:innen begon­nen haben das Gebäu­de zu reno­vie­ren. Beim Trans­port von neu­en Bal­ken und Dach­zie­geln eine unver­zicht­ba­re Hil­fe, wobei man ver­sucht hat den ursprüng­li­chen Bau­zu­stand nach Mög­lich­keit zu erhal­ten. Immer war das natür­lich nicht mög­lich, schliess­lich hat die Bau­po­li­zei das Haus 1979 nicht aus Jux und Tol­le­rei gesperrt. Davor hat noch eine sehr alte allein­ste­hen­de Frau dar­in gewohnt, mit Plumps­klo und ohne Was­ser und Strom und Stie­gen, die oft eher an Lei­tern erin­nern als an Stie­gen. Das Haus ist sicher eines der High­lights der Rei­se, die 5 Euro Ein­tritt ist es min­des­tens wert und wenn man Fra­gen hat, gibt es auch noch kom­pe­ten­te Mitarbeiter:innen, die die­se beant­wor­ten kön­nen, so die nach der Besei­ti­gung des Haus­schwamms oder dem Auf­bau der Tape­ten­schich­ten. Wer nach Stral­sund kommt: gros­se Empfehlung!

Nächs­ter Plus­punkt: Rad­we­ge. Am spä­ten Nach­mit­tag kriegt sich Nach­teil 1, das Wet­ter, wie­der ein, und wir beschlies­sen spon­tan noch eine klei­ne Aus­fahrt nach Rügen zu machen. Auf dem Rügen­damm gibt es einen Rad­weg, eine Stras­se und auch ein Gleis für die Bahn. Auf der Insel und auch sonst hat­ten wir bis­her oft sehr brauch­ba­re Rad­we­ge über Land und manch­mal auch in der Stadt. Dort aber domi­niert das Kopf­stein­pflas­ter, über das ich schon genug gesu­dert habe.

Vier­ter Punkt: Natur und Land­schaft. OK, für Berg­fe­xe ist das hier nix, aber dafür gibt es fla­che bis wel­li­ge grü­ne Land­schaf­ten, Fel­der und beein­dru­cken­de Wäl­der (ein Wald aus alten Buchen steht einer goti­schen Kate­dra­le in nichts nach). Heu­te gibt es auf Rügen Gän­se und Kra­ni­che zu sehen, aber es gibt hier sicher noch mehr geflü­gel­te (zeit­wei­se) Bewoh­ner. Natur­schutz­ge­bie­te weist man ja nicht zum Spass aus.

Wer schon ein­mal ver­sucht hat in Frank­reich einen Regio­nal­zug für die Rück­fahrt von einer Rad­aus­fahrt zu neh­men, wird bestä­ti­gen, dass das sel­ten von Erfolg gekrönt ist. Hier in Deutsch­land ist das anders. Hier gibt es ein dich­tes Bahn­netz mit vie­len Mög­lich­kei­ten ein Fahr­rad mit­zu­neh­men und das ist Plus­punkt Num­mer 5. Nach­teil Num­mer 5 ist, dass die­ses dich­te Netz das der Deut­schen Bahn ist. Wir haben in zwei Wochen 5 Zug­fahr­ten in „einem Nach­bar­land“ hin­ter uns und kom­men auf eine Pünkt­lich­keits­quo­te von sage und schrei­be 40 Pro­zent. Wir waren ein­mal 1.5 Stun­den und ein­mal 45 Minu­ten zu spät dran und einer der Züge ist über­haupt auf hal­ber Stre­cke aus­ge­fal­len. Bevor jetzt jemand sagt, dass das nach den Regeln der Bahn aber kein unpünkt­li­cher Zug ist: mir als Fahr­gast ist das wurscht. Was nicht fährt, ist auch nicht pünkt­lich. Heu­te hat­ten wir aber einen der bei­den ande­ren Züge: Fast lee­re City­jet-Gar­ni­tur mit reich­lich Fahr­rad­plät­zen und in Ber­gen auf Rügen auch noch ein Bahn­höf­le wie aus dem Modell­bahn­ka­ta­log. Hof­fent­lich haben wir damit unser Glück nicht über­stra­pa­ziert, denn mor­gen brau­chen wir auch einen Zug.

Der sechs­te und letz­te Punkt ist ein kla­rer Minus­punkt: ich möch­te über das The­ma Fil­ter­kaf­fee und „Espres­so Mac­chia­tio“ nicht spre­chen. Das wäre nicht jugend­frei. Aus­ge­gli­chen wird das Kaf­fee-Man­ko durch eine rie­si­ge Aus­wahl an Bier mit und ohne Alko­hol. Ist halt nicht gera­de ein Früh­stücks­ge­tränk. Brau­tra­di­ti­on aus Zei­ten der Han­se (man hat Stark­bier nach Skan­di­na­vi­en expor­tiert) und eine gewis­se Expe­ri­men­tier­freu­dig­keit in den letz­ten Jahr­zehn­ten erge­ben eine unglaub­li­che Aus­wahl im Super­markt und manch­mal auch am Zapf­hahn im Lokal.

Wenn das Wet­ter nicht wäre, wir hät­ten gern noch ein paar Tage dran­ge­hängt. Aber viel­leicht kom­men wir ja wieder?

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