Tag 12: Ros­tock – Stralsund

⌴ 94.7km ⋅ ◿ 311hm ⋅ ◺ 316hm ⋅ ⤓ 0m ⋅ ⤒ 30m ⋅ ☀︎ 23°C ⋅ ◷ 6:00:16 ⋅ Σ 898km

Die Alt­stadt von Ros­tock ist zu einem guten Teil mit Kopf­stein­pflas­ter gestal­tet. Kopf­stein­pflas­ter der Kate­go­rie Frey­ung oder Michae­ler­platz vor der Umge­stal­tung, so als Ver­gleichs­mass­stab für unse­re Wie­ner Leser*innen. Sieht nett und his­to­risch aus, aber wer mit dem Rad unter­wegs ist, flüch­tet nach Mög­lich­keit auf irgend­ei­nen weni­ger rum­pe­li­gen Strei­fen, der oft genug der Geh­steig ist. Ist zwar nicht erlaubt, spart aber Zahn­arzt­kos­ten und bis jetzt sind wir vom weni­gen Fuss­volk gedul­det wor­den. Durch die klei­nen Gas­sen der Stadt ist bei so einem Belag nicht so ange­nehm und wer das Pech hat direkt neben einer von Autos befah­re­nen Stras­se zu woh­nen, merkt auch, dass das alles ande­re als lei­se ist, wenn da ein Auto drü­ber­hop­pelt. Aber hübsch und his­to­risch und nicht so ver­sie­gelt wie Asphalt, weil in Sand ver­legt, ja eh. 

Hier in Stral­sund gibt es das Zeug auch zu Hauf, auch in der FuZo. Hier hat man links und rechts der „Fahr­bahn“ gros­se Plat­ten ver­legt, die jetzt von den meis­ten ver­wen­det wer­den. Sieht ein wenig aus als wäre da gera­de eine Bau­stel­le drun­ter und alle gehen auf einer pro­vi­so­ri­schen Flä­che über der Künet­te zum Ede­ka. Dort wol­len wir auch hin und für den heu­ti­gen Abend eine Kost­pro­be „Stör­te­be­ker“ Bier erwer­ben. Das „nor­ma­le“ Pils gibt es in jedem zwei­ten Lokal hier, denn die Braue­rei ist aus Stral­sund, beim alko­hol­frei­en aber las­sen die Loka­le ein wenig aus, also kau­fen wir ein Vie­rer­tra­gerl ver­schie­de­ner Sor­ten zum Ver­kos­ten. Wie prak­tisch, dass unser Hotel­zim­mer einen Kühl­schrank hat. 

Benannt ist das Bier nach Klaus Stör­te­be­ker, einem legen­dä­ren Pira­ten in der Ost­see des spä­ten 14. Jahr­hun­derts. Um ihn ran­ken sich vie­le Legen­den bis hin zu sei­ner Hin­rich­tung angeb­lich 1401 in Ham­burg. Nach sei­nem Tod (egal ob 1401 hin­ge­rich­tet oder eines natür­li­chen Todes gestor­ben, heu­te lebt er garan­tiert nicht mehr) hört die Legen­den­bil­dung nicht auf. Es wird ein Schä­del gefun­den und ihm zuge­ord­net, der Schä­del wir dann spä­ter gestoh­len, aoll aber ohne­hin nicht der ech­te sein. Jede Men­ge Stoff für Lite­ra­tur, Thea­ter und Film auf jeden Fall, denn Pira­ten­le­gen­den sind sowas wie die Robin-Hood-Gschich­ten der Landratten.

Wir Land­rat­ten neh­men natür­lich nicht den See­weg, weil eben Land­rat­ten und aus­ser­dem auf Rad­tour und nicht auf Tret­boot-Tour. Lang­sam wird es immer fla­cher, wir bewe­gen uns ent­lang der Darß-Zings­ter Bod­den­ket­te, einer Rei­he von sehr fla­chen lagu­nen­ar­ti­gen Gewäs­sern hin­ter einer lang­ge­streck­ten Halb­in­sel. Erin­nert nicht nur wegen der gerin­gen Tie­fe an den Neu­sied­ler See, auch der Schilf­gür­tel und die zahl­rei­chen Rad­fah­ren­den tra­gen zum pan­no­ni­schen Ein­druck bei, aller­dings zu einem pan­no­ni­schen Ein­druck im April oder Anfang Mai, wenn auch im Bur­gen­land noch alles schön saf­tig grün ist. Manch­mal sieht es sogar ein wenig hol­län­disch aus.

Stral­sund wur­de gemein­sam mit Wis­mar wegen der her­aus­ra­gen­den Wer­ke der Back­stein­go­tik in die UNESCO Welt­erbe-Lis­te auf­ge­nom­men und auch sonst weist die Geschich­te der bei­den Städ­te ein paar Par­al­le­len auf: man war Han­se­stadt, aber kei­ne „freie“ son­dern stand unter der Herr­schaft eines Fürs­ten, man war pro­tes­tan­tisch und seit dem 30-jäh­ri­gen Krieg unter schwe­di­scher Herr­schaft, die bis in frü­he 19. Jahr­hun­dert dau­er­te. Zu sehen gibt es auf einem Spa­zier­gang in der Innen­stadt so eini­ges, vom Rat­haus und der Niko­lai­kir­che am Alten Markt über die ande­ren Back­stein­kir­chen und Res­te der Stadt­mau­ern bis zum Hafen. Hier liegt heu­te wie­der die ers­te Gorch Fock, die 1932 als Segel­schul­schiff von der deut­schen Mari­ne ange­schafft wor­den war, 1945 absicht­lich ver­senkt wur­de und dann an die Sowjet­uni­on und zum Schluss an die Ukrai­ne fiel. Heu­te ist sie restau­riert und gehört einem Ver­ein, doch als Segel­schiff ist sie nicht mehr im Ein­satz. Zu die­sem Zweck hat sich die deut­sche Mari­ne eine neue „Gorch Fock“ bau­en las­sen, was für uns die Fra­ge auf wirft, wozu ein Land auch heu­te noch ein Segel­schul­schiff für die Mari­ne braucht. Aber wir sind ja auch nur Land­rat­ten, was ver­ste­hen wir da schon davon?

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