Tag 9: Lüne­burg – Lübeck

⌴ 90.0km ⋅ ◿ 310hm ⋅ ◺ 307hm ⋅ ⤓ 2m ⋅ ⤒ 45m ⋅ ☀︎ 22°C ⋅ ◷ 6:14:39 ⋅ Σ 657km

Dies ist Teil drei des Selbst­ver­suchs „Über­le­ben in der Deut­schen Bahn“ und ich sags gleich: er geht nicht gut aus. Begon­nen hat er mit sehr recht­zei­ti­ger Anrei­se zum (btw. sehens­wer­ten) Bahn­hof, dort noch ein Mit­tag­essen beschafft und run­ter auf den Bahn­steig. Der Zug fährt plan­mäs­sig in 25 Minu­ten, der Bahn­steig ist aber jetzt schon voll mit Men­schen und Kof­fern und Fahr­rä­dern. Oha, das sieht nicht gut aus, die wol­len alle in unse­ren Zug! Als der dann ein­fährt, pas­siert das übli­che: Trau­ben von Men­schen ver­su­chen in den Zug zu kom­men, wäh­rend von innen ande­re Trau­ben nach aus­sen drän­gen. Nach eini­gen Minu­ten siegt die Ver­nunft, man lässt aus­stei­gen bevor man stürmt. Wir ergat­tern die letz­ten bei­den Fahr­rad­plät­ze und ca. 1.5 Steh­plät­ze. Mei­ne Hälf­te gebe ich gleich wie­der auf und gehe in wei­ser Vor­aus­sicht aus­sen­rum aufs Klo. Das funk­tio­niert sogar, also auf dem sel­ben Weg wie­der zurück und zum Fahr­rad schlüp­fen. Wir fah­ren fast pünkt­lich nach nur 3 Durch­sa­gen doch end­lich die Licht­schran­ken frei­zu­ge­ben ab.

Auf den nächs­ten Kilo­me­tern ler­ne ich mehr über die deut­sche See­le als ich jemals wis­sen woll­te. Zum Bei­spiel scheint es irgend­wann aus der Mode gekom­men sein eine alte Frau (nein nicht mich, eine wirk­lich alte) hin­set­zen zu las­sen. Statt des jun­gen Man­nes auf dem für die­se Bevöl­ke­rungs­grup­pe vor­ge­se­he­nen Sitz steht eine Mut­ter mit Kind auf und bie­tet gegen Über­nah­me des Klein­kin­des den Sitz­platz an. Win-win für alle: das Kind hat Spass, die leih­wei­se Oma auch und es ent­spinnt sich ein leb­haf­tes Gespräch über Kin­der­er­zie­hung. In unse­rer Ecke sind die effi­zi­en­ten Stap­ler gelan­det, die rei­hen­wei­se Kof­fer vom Boden auf die Abla­gen über den Sit­zen bug­sie­ren. Wei­ter vor­ne erzählt eine Frau vom Bahn­fah­ren in der Schweiz, aber nie­mand glaubt ihr.

Wir blei­ben an jedem Bahn­hof ste­hen. War­um, weiss ich nicht, denn aus­stei­gen will nie­mand und ein­stei­gen kann nie­mand. Den­noch pro­bie­ren es immer wie­der Men­schen mit Fahr­rad in den Zug zu kom­men, aber sie müs­sen eben­so zurück­blei­ben wie der Mann mit Gitar­ren­kof­fer. Als klar wird, dass etli­che in Büchen ihren Anschluss nicht errei­chen wer­den und daher einen län­ge­ren Auf­ent­halt an die­sem Bahn­hof gewon­nen haben, ent­fährt dem jun­gen Mann auf dem Ver­sehr­ten­sitz ein „Die­se Bahn ist ja eine Kata­stro­phe!“. Jetzt schal­tet sich eine erschöpft wir­ken­de älte­re Ukrai­ne­rin ein: „Das ist nix Kata­stro­phe! Wenn Sohn ist an Front und du nichts gehört hast seit fünf Tage und nicht weisst, ob lebt oder ist tot, das ist Kata­stro­phe. Zwei Stun­den war­ten auf Zug, das ist nur (sie sucht nach dem Wort) läs­tig.“ Wäre in die­sem Zug noch genü­gend Platz gewe­sen damit eine Steck­na­del fal­len kann, man hät­te sie gehört.

Wir errei­chen Lüne­burg mit rund 40 Minu­ten Ver­spä­tung und dre­hen dort eine klei­ne Run­de durch das his­to­ri­sche Zen­trum. Das ist ein bild­hüb­sches Klin­ker-Ensem­ble mit Fluss und einem alten Kran. Hät­ten wir nicht schon ande­re Plä­ne für die nächs­ten Tage, das wäre ein Ziel ganz nach unse­rem Geschmack. Wir fah­ren aber lie­ber zurück nach Lübeck, teil­wei­se neben Land­stras­sen, teil­wei­se auf (nicht immer asphal­tier­ten) Feld­we­gen und die letz­ten fast 40 Kilo­me­ter ent­lang des Lübeck-Elbe-Kanals. Hier kom­men wir rich­tig ins Frank­reich-Fee­ling, im Regen neben dem Kanal auf einer Sand­pis­te. Aus­ser uns ist kaum jemand unter­wegs, der nicht min­des­tens einen Hund dabei hat. Pflau­men­ku­chen gibt es in die­ser Gegend und zu die­ser Zeit am Sonn­tag­nach­mit­tag nicht mehr, also sind wir als wir wie­der am Lübe­cker Haupt­bahn­hof ankom­men, wo man uns um die­se Zeit noch Franz­bröt­chen ver­kauft, ordent­lich hung­rig. Die Fra­ge, war­um etwas, das kein Bröt­chen ist, son­dern ein Plun­der­teig­ge­bäck, „Franz“ heisst, wer­den wir heu­te nicht mehr klären.

Die Auf­lö­sung auf die Fra­ge, war­um die DB-Sache nicht gut geht, schul­de ich noch: nach 2 Stun­den Ste­hen im bumm­vol­len Zug rebel­lie­ren jetzt mei­ne Knie. Sie sind jetzt mal mit Sal­be ver­se­hen, die der bes­te Ehe­mann von allen noch aus der Nacht­apo­the­ke geholt hat, und eines weiss ich sicher: auf Steh­platz in die Oper gehe ich in die­sem Leben nicht mehr.

Die Fotos

Die Stre­cke

Track Down­loads
    Lüne­burg – Lübeck

Fediverse reactions


7 Kommentare zu „Tag 9: Lüne­burg – Lübeck“

  1. @lechat heu­te war von Lübeck nach Ham­burg eine Sper­rung, daher war der re83 noch vol­ler als sonst.

    1. Stimmt. Und einen Scha­den an der Ober­lei­tung gab es wohl auch noch. Alles kein Ding, aber haben die Betrei­ber wirk­lich gedacht, dass sie den Bahn­ver­kehr zwi­schen einer fast 2 Mil­lio­nen Stadt und einer über 200.000 Stadt mit einer stünd­li­chen dop­pel­ten Regio­nal­zug-Gar­ni­tur abwi­ckeln? Mir hat hier sowohl der Schie­nen­er­satz­ver­kehr gefehlt als auch Infor­ma­tio­nen und das not­wen­di­ge Per­so­nal. Da waren noch nicht ein­mal Durch­sa­gen zu hören.

      1. @lechat der Schie­nen­er­satz­ver­kehr fuhr, wur­de in der Aus­kunft aber nicht ange­zeigt, da er 10 Minu­ten län­ger benö­tig­te als der Umweg über Büchen.

        1. 10 Minu­ten. Mit dem Effekt, dass die Leu­te 1,5 Stun­den bis Ham­burg ver­lo­ren haben. Seufz.

          1. @lechat Was beson­ders ärger­lich ist, ist die man­gel­haf­te Ver­knüp­fung von @hoch­bahn und SPNV. Der Zug von Lübeck fuhr bis Ahrens­burg. Dort fährt die Hoch­bahn nach Ham­burg-City, aber es ist ein Fuss­weg von 15 Minu­ten zu bewältigen.

        2. @benedikt_lauenburg @lechat Das nervt mich an vie­len Aus­kunfts-Apps. Wenig län­ge­re Ver­bin­dun­gen wer­den oft nicht ange­zeigt, obwohl sie mög­li­cher­wei­se ver­läss­li­cher oder beque­mer (z.B. direkt) sind

          1. @uk @lechat Bei der DB-Aus­kunft gibt es die­se zwei Schal­ter. Sie hel­fen aber nicht immer wei­ter und es emp­fiehlt sich oft ein Blick auf Open­Rail­way­Map und die Ver­wen­dung von Zwischenhalten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert