Vom MIttelalter bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts reicht die Kontinuität einiger hochadeliger Familien in Ungarn. Kriege gegen die Osmanen, Aufstände, das oft gespannte Verhältnis zum Haus Habsburg, Religionskonflikte, Revolutionen konnten dem Adeln nichts anhaben, erst die Kommunisten sorgten für seine Abschaffung. Emigration in den Westen war die Folge, doch ihre Schlösser und Landsitze konnten die Familien dabei natürlich nicht mitnehmen, die blieben an Ort und Stelle und stellten die neuen Besitzer vor das Problem, was man mit solch einem alten Kasten denn anfangen könnte. Ein solcher alter Kasten ist das Schloss der Familie Nádasdy, an dem wir heute vorbeigefahren sind. Der Umweg von der geplanten Route ist minimal, also biegen wir kurz ab und umrunden den neugotischen Bau im Englischen Garten. Letzterem hat die Juni-Hitze und Trockenheit ziemlich zugesetzt, die ungarische Steppe ist halt einfach kein Habitat für einen englischen Rasen. Man kann im Park spazieren gehen, weiter hinten soll es sogar einen Wasserfall geben, oder gegen Eintritt das Schloss besichtigen. Das ist es nämlich, was nach Jahrzehnten des Verfalls und einer aufwändigen Restaurierung schlussendlich daraus geworden ist: eine beliebte Touristenattraktion in der Gegend um Székesfehérvár.
Englischer Rasen wächst in dieser Gegend also nicht, dafür aber Wein und alle möglichen Sorten Getreide. Irgendwo ganz hinten in Ungarn werden auch Wassermelonen produziert, aber nicht hier, wo wir heute unterwegs sind, hier werden sie nur immer wieder am Strassenrand verkauft. Stehenbleiben, ein wenig auf den grünen Plutzern rumklopfen um das reifste Exemplar zu finden, Melone ins Auto verladen – Sommer-Klassiker. Leider nicht für uns, denn verkauft wird im Ganzen.
Also müssen wir ohne Melone durch die Steppe reiten, eine Steppe, die durch den Wind noch trockener geföhnt wird als sie ohnehin schon ist. Ein Gutteil der heutigen Strecke folgt übrigens dem EuroVelo 14 „Waters of Central Europe“. Oh, the irony! In Martonvásár nehmen wir dann eine Art REX, weil sich der Rest der Strecke zeitlich nicht mehr ausgegangen wäre, und finden erst im Zug heraus, dass wir auch in diesem Ort ein neu-gotisches Schloss besichtigen hätten können. Hier war der Sitz der Familie Brunszvik. Zwei der Töchter der Familie waren nicht nur Zeitgenossinnen Beethovens, sondern auch seine Klavierschülerinnen und eine, Therese, die Widmungsträgerin der „Appassionata“ Sonate. Vielleicht war eine der beiden auch die „unsterbliche Geliebte“, wird vermutet. Grund genug das Schloss zum Beethoven-Museum zu machen, auch wenn er es nie in neu-gotisch gesehen hat, Grund genug auch für uns für einen kleinen Umweg. Doch dazu hätten wir mehr wissen müssen und nicht gleich in den Zug nach Budapest steigen.
Die Fotos





















Die Strecken
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Veszprém – MartonvásárBudapest – Budapest

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