Im direkten Vergleich zwischen Windischgarsten und St. Pölten hat die niederösterreichische Landeshauptstadt die Nase vorn: 9 direkte Zugsverbindungen nach Wien zwischen 20 und 21 Uhr, von denen 7 bei Verfügbarkeit auch kurzfristig Fahrräder mitnehmen: 1 Punkt für St. Pölten. Gut sortierte Balkanbäckerei mit Käsebörek gleich gegenüber dem Bahnhof: ebenfalls 1 Punkt. Lift und Rolltreppe zum Bahnsteig: ausser Konkurrenz, in Windischgarsten spielt das keine Rolle. „Okay“ mit gekühlten Getränken: zwei weiterere Punkte für St. Pölten (einer von Ulrich, einer von mir). Lokalkolorit: die Tranklerpartie mit Schwechaterdosen vor dem St. Pöltner Bahnhof oder der Gösser-Waggon in der Modellbahnanlage – schwierige Frage, unentschieden. Aber dann zieht Windischgarsten uneinholbar an St. Pölten vorbei: die Landschaft der Kalkalpen – douze points!
Die heutige Tour hat aber ein paar andere nette Dinge zu bieten. Da wäre einmal ein ziemlich penetrant nach Lavendel riechendes barockes Stift Seitenstetten. Jetzt, wo wir wissen, dass es um 14:30 eine Führung gibt und man sich den Garten jederzeit anschauen kann, ist das gelegentlich einen echten Besuch wert. Vor allem der Garten, in den wir nur kurz hineingeschaut haben, verspricht so einiges, von Barock bis Kräuter. Wenn es nur nicht so heiss gewesen wäre. Stadt Haag (nicht zu verwechseln mit Den Haag, das viel weniger hügelig liegt) haben wir für das Mittagessen auserkoren: überteuertes Tankstellenzeug und als Dessert frische Erdbeeren vom Standl daneben. Abgesehen von den Erdbeeren gibt es in Haag eine gotische Kirche und gleich daneben eine Freiluftbühne: ein paar Sessel, ein schwarzer Tisch, die hintere Hälfte eines Zimmers mit schmutziger blauer Tapete, an den Wänden ausgestopfte Fischköpfe. Welches Stück könnte das sein? Das Internet weiss es: heuer wird beim Theatersommer in Stadt Haag der „Geizige“ von Molière gegeben.
Nach dem Börek in St. Pölten steigen wir in einen IC ein, eine der über die DB von der Westbahn an die ÖBB gekommenen Garnituren. Fahrradplatz verkauft man uns keinen, stattdessen sagt der Ticketshop, dass wir „nach Massgabe verfügbarer Plätze“ mitgenommen werden. Challenge accepted, denken sich auch andere (heute war Radmarathon in der Wachau) und treten den Beweis an, dass in einen Stadler KISS mindestens doppelt so viele Räder passen wie vorgesehen. Mindestens, denn man konnte dazwischen fast noch durchgehen. Manche Zeitgenossen allerdings macht das Gedränge rund um das eigene Rad ein wenig unrund. Besondere Nervosität herrscht um ein Rennrad mit integriertem Cockpit und SRAM-Schaltung. Weltuntergang, wenn man sein schnödes Gravelbike da anlehnt! Da bleibt dann nur noch der Privatchauffeur fürs Canyon-Plastikradl oder halt selber fahren. Die 80 Kilometer können ja kein grosses Problem sein mit dem Teil, oder?
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